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Wenn das Pflegeheim zur Rennstrecke wird

„Auf die Plätze, fertig, los!“ Das Startsignal von Übungsleiter Christian Orschall wirkt wie ein kleiner Energieschub. Plötzlich ist Bewegung im Erdgeschoss des Pflegeheims Johanniter-Stift Münster.
Text: Martin Marsmann

Bremsen an Rollatoren klacken, Reifen setzen sich in Bewegung. Was zunächst wie ein gemütlicher Spaziergang beginnt, nimmt schnell an Fahrt auf – kontrolliert, konzentriert und immer unter den wachsamen Augen des Trainers.

An diesem Mittwochmorgen sind neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammengekommen, um im Rahmen des Projekts „PROGRESS“ an ihrer Fitness zu arbeiten. Die Strecke: etwa 30 Meter, einmal rund um einen Block in der Einrichtung, inklusive kniffliger Ecken.

Gegen die 90-Prozent-Hürde: aktiv gegen den Stillstand

Dass dieses Angebot zweimal wöchentlich stattfindet, hat einen ernsten Hintergrund. „Wir wissen, dass Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner etwa 90 Prozent ihres Tages in ihrem Zimmer oder in unmittelbarer Nähe verbringen. Die Bewegung kommt dabei oft zu kurz“, erklärt Professor Dr. Claudia Voelcker-Rehage von der Universität Münster. „Um diesem Bewegungsmangel entgegenzuwirken, hat die Universität Münster 2021 gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse das Modellprojekt PROGRESS ins Leben gerufen und über mehrere Jahre wissenschaftlich entwickelt und evaluiert.“ Was das im Alltag bedeutet, beschreibt eine Teilnehmerin schon vor Beginn des Trainings: „Ich freue mich jedes Mal. Bewegung tut gut.“

In den Fluren herrscht derweil konzentrierte Arbeitsatmosphäre. „Die Füße beim Abrollen auf Höhe der Hinterräder lassen“, korrigiert der Trainer sanft. Die Gruppe ist mit sichtbarem Eifer dabei. Während sie ihre Runden drehen, trainieren sie ein komplexes Paket: Ausdauer, Koordination und visuelle Wahrnehmung. Dann wird der Schwierigkeitsgrad erhöht. Der Trainer händigt kleine Gewichte aus, die Einkaufstaschen simulieren, oder Becher, die während der Fahrt balanciert werden müssen. Die Konzentration zahlt sich aus – die Becher bleiben ruhig in den Händen, kein Gewicht gerät ins Schwanken.

Gesteigert wird die Herausforderung noch einmal durch einen Parcours. Wo eben noch freie Bahn
war, liegen nun blaue Springseile oder Matten auf dem Boden. Die Teilnehmenden müssen den Hindernissen geschickt ausweichen und dabei konzentriert das Gleichgewicht halten. Auch wenn der Puls sichtlich steigt, bleibt Zeit für ein Schmunzeln. Und wenn die Puste doch mal knapp wird? Dann stehen am Rand bereitgestellte Stühle für eine kurze Verschnaufpause parat.

Ich freue mich jedes Mal. Bewegung tut gut.

Gefordert zu werden tut gut

Die Sicherheit, mit der sich die Gruppe durch die Flure bewegt, kommt nicht von ungefähr. Viele der Teilnehmenden trainieren bereits seit Wochen gemeinsam an ihrer Mobilität. Bevor es auf die Strecke geht, versammelt sich die Gruppe stets in einem Mehrzweckraum zur Vorbereitung. Im Stuhlkreis wird dabei unter anderem beim „Stab-Hockey“ die Koordination geschärft: Ein Gymnastikring wird mit Holzstäben über den Boden geleitet.

Trainer Christian Orschall, der das PROGRESS-Konzept umsetzt, baut stufenweise eine höhere Komplexität in die Übung ein, so wechselt nach einigen Minuten beispielsweise die Richtung des Rings. „Das Atmen nicht vergessen!“, ruft eine Teilnehmerin scherzhaft in die Gruppe, als ein zweiter Ring ins Spiel kommt. Ein anderer Teilnehmer nimmt die wachsende Herausforderung gelassen: „Es ist alles Gewohnheitssache mit den Übungen“, sagt er und führt den Stab konzentriert weiter.

Nach den Runden auf dem Flur kehrt schließlich wieder Ruhe ein. Die Gruppe findet sich für den
Abschluss der Stunde erneut im Mehrzweckraum zusammen. Wo eben noch Tempo und Geschicklichkeit gefragt waren, steht zum Ausklang gezieltes Krafttraining auf dem Programm. Der Trainer verteilt Gymnastikbälle: „Zusammendrücken, halten, lockerlassen“, lautet das Kommando. Erst auf Brusthöhe für die Armkraft, dann zwischen den Knien, um die Adduktoren zu stärken. Es ist ein Training, das man den Teilnehmenden ansieht – und das sie sichtlich stolz
macht.

Mehr als Sport: Ein Mittel gegen die Einsamkeit

Für Carola Pöppelmann, Leiterin des Sozialen Dienstes, geht die Wirkung von „PROGRESS“ weit über die physische Fitness hinaus: „Neben der Bewegungsförderung stärken wir die sozialen Kontakte und beugen Einsamkeit vor.“ Die Rückmeldungen der Bewohnerinnen und Bewohner geben ihr recht: Wer sich bewegt, fühlt sich vitaler – und bleibt Teil einer Gemeinschaft. Nach einer Stunde ist das Pensum geschafft. Eine Teilnehmerin sinkt sichtlich zufrieden in ihren Stuhl: „Ich bin AA – außer Atem“, sagt sie und lacht.

Neben der Bewegungsförderung stärken wir die sozialen Kontakte und beugen Einsamkeit vor.

Das Modellprojekt PROGRESS

Die Techniker Krankenkasse unterstützt stationäre, teilstationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäuser beim Aufbau nachhaltiger, gesundheitsfördernder Strukturen. Im Mittelpunkt stehen Beschäftigte und Pflegebedürftige. Interessierte Einrichtungen können eine Beratung zum Gesundheitsmanagement, finanzielle Förderung und fachliche Begleitung erhalten – meist im Rahmen langfristiger Projekte. Die Grundlage bildet der Förderantrag „Starke Pflege“. Zusätzlich entwickelt die TK zusammen mit Hochschulen neue, präventive Konzepte für das Pflege-Setting. Ein Beispiel ist das Modellprojekt PROGRESS, das nicht nur gezielte Trainings anbietet, sondern die Einrichtungsumgebung bewegungsförderlicher

gestaltet und gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern sowie mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erarbeitet, wie Bewegung sinnvoll in den Pflegealltag integriert werden kann.

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